Leitsystem Deutsches Museum München (Wettbewerb)

06/2015

Im Rahmen der „Zukunftsinitiative“ wird das 1903 gegründete Deutsche Museum in München von 2012 bis 2025 umfassend modernisiert und saniert.

Das derzeitig bestehende Leit- und Orientierungssystem erweist sich als wenig zeitgemäß und besucherfreundlich. Im Zuge der Generalsanierung ist  ein schlüssiges und zukunftsträchtiges Leit- und Orientierungssystem zu entwickeln und umzusetzen.

Zwei Punkte waren es, die uns an einer solchen Aufgabe besonders interessierten:
1. liegt uns bei jedem Ausstellungsprojekt viel am Rundgang. Wir möchten dem Publikum ohne Barrieren und überdeutliche Leitorgane einen Weg empfehlen, der der Dramaturgie der Ausstellung folgt. In den 1990er Jahren gab es Ausstellungen, die wir mit einem deutlichen Leitsystem versahen. Es waren dies 1996 die Ausstellung „Afrika – die Kunst eines Kontinents“ im Berliner Martin-Gropius-Bau und 1999 die Ausstellung „unter strom – Energie, Chemie und Alltag in Sachsen-Anhalt 1890 bis 1990“ im ehemaligen Kraftwerk Vockerode. Beiden Ausstellungen war gemein ein äußerst komplexer Raumzusammenhang. In den Jahren nach 2000 reduzierten wir unsere Bemühungen für ein Leitsystem, soweit es ging. Als besondere Beispiele dieser Bemühungen können das Brauerei Museum in Dortmund (2006) und die Ausstellung in der „Alten Synagoge Essen – Haus jüdischer Kultur“ Essen (2010) gelten. Bei beiden verschmolzen sogar Leitsystem und Fluchtweghinweise zu einem Medium; in Essen sogar als Form moderner Supraporte.
In der an mehreren Plätzen im Schloss und im Dom zu Merseburg stattgefundenen Ausstellung zu Bischof Thilo von Trotha im Jahr 2004 wählen wir die Portiere als zentrales Organ der Besucherführung.
Die Portiere betont und schützt eine Tür zugleich. Sie vermittelt zwischen dem Raum, in dem man sich befindet und dem Raum, in den man zu gehen beabsichtigt.
In einem gewachsenen Museum wie dem Deutschen Museum, haben sich Raumzuordnungen verändert und Inhalte wurden entfernt, andere kamen dazu. Was übrig bleibt, sind die Schnittstellen, also die Übergänge von Raum zu Raum, von Flur zu Raum, von Treppenhaus zu Raum. Und an diesen Schnittstellen wollen wir ansetzen, wir wollen mit zeitgemäßen Portieren intelligente Vermittlungsbereiche schaffen.
Folgende Bestandteile gehören zu einer Portiere:
1. Vier Touchscreen-Monitore 19 Zoll. die großen Pfeile unter der Monitorreihe zeigen links in den nächsten Raum und rechts in den Raum, in dem sich die jeweilige Person befindet.
2. Zwei Pfeile. Die Pfeile sind erhaben, damit sie auch ertastet werden können und geben kurze Informationen in Brailleschrift.
3. Ein vergleichsweise kompakter Hinweis auf das Thema des nächsten Raums. Falls notwendig ein Fluchtwegtransparent. Hinweise beispielweise auf Toiletten, Ausgang oder die benachbarten Abteilungen.
4. Zwei Schaltflächen zur Aktivierung akustischer Hinweise.
5. Miniaturrechner mit WLan-Schnittstelle.

Alle vom Publikum zu bedienenden Oberflächen sind immer an der gleichen Stelle angeordnet.
Monitor eins zeigt im Normalzustand eine isometrische Darstellung der Etage, in der sich die bedienende Person befindet und die genaue Position. Die weiteren Etagen sind oben und unten ansatzweise zu sehen. Durch Wischen auf dem Bildschirm kann man auf die anderen Etagen gelangen. Auch ist wie beim Smartphone vergrößern und verkleinern möglich. Ein zweiter Monitor zeigt den Raumtext, der zur besseren Lesbarkeit ebenfalls vergrößert werden kann. Der dritte Monitor zeigt eine Inhaltsübersicht zum nächsten Raum und der vierte Monitor zeigt aktuelle Hinweise wie „die Vorführung im gläsernen Forscherlabor beginnt in 14 Minuten“. Die Bildschirme gehen nach einer halben Minute Inaktivität in ihren Startbildschirm zurück.
Die Portieren ragen nicht tief in den Raum hinein und beeinflussen die jeweilige Raumgestaltung nur marginal. Die Oberflächen können sowohl bezüglich Material als auch Farbe an die jeweilige Raumgestaltung angepasst werden. Durch die elegant dezente Gestaltung sind sie ein eigentliches Leitsystem. Die wichtigsten Inhalte werden elektronisch vermittelt und machen das System so äußerst anpassungsfähig – ohne übertriebenen Personaleinsatz.
Dadurch, dass die beiden senkrechten Platten schräg angeordnet sind, ergibt sich ein günstiger und Bearbeitungsstandort ohne dass die Durchgänge verstopft werden. Auch das Gestalten eines Raumes bis an den Türrahmen bleibt möglich. Die Platten könnten aus zwei schmalen Edelstahlrahmen, die jeweils auf einer Seite eine Glasfüllung bekommen, hergestellt werden. Die seitlichen Flachstähle sind 30 mm breit und 5 mm stark. Jeweils zwei Rahmen werden zusammengeschraubt, so dass sich bei einer Glasstärke von 6 mm als Front- bzw. Rückwand eine Gesamttiefe von 36 mm ergibt. In dem Zwischenraum von 24 mm finden die Monitore der Rechner und Leucht- und Schaltflächentechnik Platz.

Die Zitat eines schon im Mittelalter verwendeten Durchgangstypos des Türgewändes nimmt auch die Stärke dieses Baudetails auf, indem es beim Durchschreiten informiert und eindeutig lenkt. Durch die immer gleiche Anordnung können Sehbehinderte beim Kauf einer Eintrittskarte auf die Möglichkeiten der Portieren hingewiesen werden und sind danach im Stande, ohne fremde Hilfe durch das Museum zu finden.

 

Auslober
Deutsches Museum München

steiner.ag – arbeitsgemeinschaft für architektur und design
Prof. Jürg Steiner, Architekt BDA

Dipl. Ing. Anna Kasprzynski

Dipl. Des. Martin Jaskulla